Capoeira - Musik - Orchester - Gesang

 



Über Capoeira


Capoeira ist eine ritualisierte Kampfkunst, die zur Zeit der Sklaverei in Brasilien entwickelt wurde. Die portugiesischen Kolonialherren versuchten die kulturellen Gewohnheiten und Bräuche ihrer Sklaven, durch das Verbot ritueller Praktiken und die Christianisierung zu unterdrücken. Unter diesen Bedingungen trat die Capoeira erstmals als ein Ausdruck des Widerstandes auf und spielte dabei eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung persönlicher und kultureller Identität. Zahlreiche entflohene Sklaven sammelten sich in versteckten Urwaldsiedlungen, den so genannten „quilombos“. Diese waren für die Entstehung und die Entwicklung der Capoeira von großer Bedeutung. Auf tänzerische Art und Weise gelang es kämpferische Elemente zu tarnen, wodurch Capoeira zu einer oftmals unterschätzten und tödlichen Waffe wurde. Westafrikanische Kampftänze nahmen dabei wahrscheinlich ihren Einfluss auf die Capoeira. So wird der N ́Golo, der Zebra-Tanz des afrikanischen Volksstammes der Bantus, der ein Hochzeitsritual darstellt als vermutete Wurzel der Capoeira Angola betrachtet. Noch heute geben unterschiedliche Bestandteile der Capoeira Angola, wie z.B. Instrumente, Rhythmen oder Bewegungen Aufschluss über den Ursprung der Capoeira. Dabei werden seit je her die Traditionen der Capoeira mündlich von Generation zu Generation, von Meister zu Schüler, weitergegeben. Auf diese Weise gelang es nach der Abschaffung der Sklaverei in Brasilien 1888, als die meisten Dokumente über dieses Geschichtskapitel vernichtet wurden, den historischen Hintergrund der Capoeira zu bewahren.


Nach der Sklaverei führten Arbeitslosigkeit und Armut zu großen sozialen Missständen in Brasilien. In den Städten bildeten sich Banden ehemaliger Sklaven. Als ein Ausdruck körperlichen, geistigen und politischen Widerstandes gegen die Unterdrückung wurde die Capoeira polizeilich verfolgt und blieb bis ins 20. Jahrhundert gesetzlich verboten. Erst 1930 stimmte die damalige Regierung zu, das Capoeira in Schulen gelehrt werden dürfe, jedoch unter der Bedingung, dass gravierende Veränderungen an Musik, Bewegungen und Ritualen der Capoeira vorgenommen würden.

 
Als Reaktion auf die Veränderung der ursprünglichen Capoeira zu dieser Zeit, strukturiert Mestre Pastinha die traditionelle Form der Capoeira 1930 und etabliert sie unter dem Namen Capoeira Angola. Entsprechend der Namensgebung sind die afrikanischen Traditionen ein wesentlicher Bestandteil dieser Art, was an dem rituellen Ablauf, den Bewegungen und der Organisation der Musik erkennbar ist. Sie wird heutzutage als streng reglementiertes Spiel in einem Kreis praktiziert, der sogenannten roda. Durch Musik begleitet, werden die Spieler zu einem anspruchsvollen Dialog aus Angriffs- und Verteidigungsbewegungen animiert. Dabei sind die stetige Aufmerksamkeit eines jeden Beteiligten gefordert, um die gefährliche Trickserei des Körpers und die trügerische Leichtigkeit des Spieles wahrzunehmen. Hierzu ein interessantes Interview, welches Peter Schardt im Jahr 2001 beim Summer Workshop in Berlin mit Mestre João Grande geführt hat.
 

Dank der Ernennung der UNESCO im Jahr 2014 gilt Capoeira, als bisher wichtiger Bestandtteil der afrobrasilianischen Kultur, ebnfalls als Teil der immateriellen Weltkulturgüter. 




 

DIE MUSIK ALS HERZSCHLAG

 

Im Hinblick auf andere Kampfkünste ist die Musik in der Capoeira Angola ein essentielles Element des Spiels. Die Vorstellung derselben ohne sie wäre geradezu undenkbar. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, spiegelt die Capoeira Angola ihrer Struktur nach, ein Bild des afrikanischen Kulturgutes wider, in welchem Musik, Bewegung, Spielerei und Spiritualität in enger Beziehung zu einander stehen. Die Musik innerhalb dieser Kunstform ist gerade deswegen so wichtig, weil sie einerseits den lebhaften Charakter des Spieles unterhält und andererseits das Verbindungsstück des Capoeira-Spielers darstellt, Körper und Geist in Einklang zu bringen. Nicht nur der Takt, sondern auch die Qualität und Intensität der Musik, nimmt ihren Einfluß auf die zeitliche Abfolge der Bewegungen. Dem Anspruch der Musik genügend, versucht der Spieler seinen Körper zu den Rhythmen zu bewegen, wodurch das Spiel vor Abgestumpftheit und schlichter Aggression bewahrt wird. Ein „guter“ Spieler bemüht sich daher stets einen Ausgleich zwischen ästhetischen und athletischen, sowie künstlerischen und kämpferischen Aspekten zu schaffen. Durch die Musik animiert, seine Bewegungen gleichzeitig dem Rhythmus des Tanzes und Kampfes auszurichten, macht der Capoeira-Spieler dabei häufig unerwartete Erfahrungen spiritueller Art.

 

Die spirituellen Aspekte und rituelle Besonderheiten der Capoeira Angola, schränken den Charakter des Spiels in keiner Weise ein. Die besonderen Gegebenheiten im Spiel und Ritual, die Mischung aus Vertrautheit und Respekt, aus Humor und Ernsthaftigkeit, machen die roda zu einem spannenden Ort von Gegensätzlichkeiten; man trifft Freude und Lachen an, begegnet der roda aber gleichzeitig mit tiefer Ehrfurcht und Bescheidenheit.

 

Das Publikum und die Capoeira-roda stehen ebenso, wie die beiden Spieler zueinander, in einer dauernden musikalischen Bindung. Die Person in der roda mit der meisten Verantwortung, der mestre versucht durch die musikalische Leitung gezielt die Spieler zum anspruchsvollen Interagieren zu animieren, bewahrt gleichzeitig das Spiel vor Unkontrolliertheit und fördert den Spielverlauf in der roda. Ab und an wird dies über den Gesangstexte erreicht - er umschmeichelt, kritisiert, spottet, lobt oder fordert die Spieler heraus; immer aber ist es dem unaufhörlichen Verhältnis zwischen Musik und Bewegungen der Spieler - dem Rhythmus - zu verdanken, das die roda am Leben erhalten bleibt.

                                                                                                      tl_files/gestaltungselemente/angoleiro_01.png
                                                                                                       

 

DAS ORCHESTER

 

Auch wenn die in der Capoeira Angola verwendeten Instrumente hauptsächlich afrikanischen Ursprungs sind, so wurden sie doch erst in Brasilien zu einem festen Bestandteil der Musik. Das traditionelle Orchester setzt sich aus drei berimbaus unterscheidlicher Tonlagen, zwei pandeiros, einem agogô, einem reco-reco, sowie einer atabaque zusammen. In einer Reihe nebeneinander sitzend begrenzen die Musiker die Roda von einer Seite.

 

Das bedeutsamste aller Instrumente - der musikalische Herzschlag der Capoeira Angola - ist der berimbau, ein Musikbogen bestehend aus einer einzigen Seite. Alle drei berimbaus sind in unterschiedlichen Tonlagen gestimmt. Die berimbau gunga (oftmals nur als gunga bezeichnet), mit der größten cabaça und dem tiefsten Klang, gibt den Grundrhythmus vor, ähnlich einer Bassgitarre. Sie stellt das rhythmische sowie räumliche Fundament der roda dar und ist der Ausgangspunkt, von dem aus das Capoeira-Spiel im Kreis begonnen und beendet wird. Die berimbau médio hilft ebenfalls den Rhythmus zu wahren, indem sie die umgekehrte Tonabfolge der gunga spielt. Dahin gegen spielt bzw. improvisiert die berimbau mit dem kleinsten Resonanzkörper und dem höchsten Ton, die berimbau viola, Variationen des Grundrhythmus.

 

Für gewöhnlich ist die gunga in den Händen des mestres, welcher die roda leitet. Die Wahl des entsprechenden Rhythmus` oder toques ist für den Charakter der roda wesentlich. Trotz zahlreicher musikalischer Variationen versuchen die Spieler sich am Rhythmus zu orientieren der den Spielverlauf vorgibt.
 
Reco-reco, agogô, pandeiro, berimbaus (gunga, médio, viola), pandeiro und atabaque bilden in dieser Reihenfolge, von links nach rechts, das Orchester in der Capoeira Angola, auch bateriá genannt. Die Instrumente sollen stets in den Händen von befähigten Musikern liegen, da ein starker und inspirierender Rhythmus für die Spieler absolut notwendig ist, um ihr komplettes akrobatisches Können eindrucksvoll darbieten zu können.
 
                                                                                                      tl_files/gestaltungselemente/angoleiro_02.png
                                                                                                       

  
DER GESANG
 

Der traditionelle Gesangszyklus in der Capoeira Angola ist in drei wesentliche Abschnitte unterteilt (ladainha, chula und corrido). Alle drei fordern gleichermaßen von Publikum und Spielern gesanglichen Beitrag. Dabei versucht der Vorsänger diesem Anspruch durch seine gesangliche Fähigkeit bestmöglich zu genügen. Der Gesang als solcher stellt nicht nur eine begleitende Komponente des Capoeira-Spiels dar; er ist vielmehr ein angesehener und hoch geschätzter Bestandteil, da er sowohl die Energie des Spielgeschehens leitet, als auch die roda selbst durch seine Erzählung belebt.

 

Die ladainha ist die einzige Gesangspassage, die entgegen den bevorstehenden Abschnitten nur von einer Person allein gesungen wird. Sie wird in der Regel zur Eröffnung der roda angestimmt und bereitet das Spiel in Folge vor. Inhaltlich scheint der Vorsänger eine Geschichte wiedergeben zu wollen, ihr literarisches Mittel wird aber gerne dazu verwendet philosophische Gegebenheiten zu reflektieren oder schlicht die Spieler auf besondere Vorkommnisse bzw. Umstände hinzuweisen. Die ladainha wird meist komplett spontan improvisiert. Es werden mythologische Geschichten erzählt, politische Kommentare geäußert, Stellungnahmen bezogen, sowie traditionelle Weisheiten innerhalb der Capoeira Angola ausgesprochen. Während diesem Gesang, warten bereits zwei Spieler bereitwillig vor den Instrumenten. In respektvoller Haltung gegenüber dem Orchester, lauschen beide aufmerksam dem Inhalt der ladainha.
 
                                         

Eu vou ler o BE-A-BA
O BE-A-BA do berimbau
A cabaça e o caxíxí
E um pedação de pão
A moeda e o arame
Esta aí um berimbau

Berimbau é um instrumento
Feito de uma corda só
Pra tocar São Bento Grande
E também Angola em tom maior

Agora acabei de crer
Berimbau é o maior,
Camara. 
   

Ich werde das ABC aufsagen
Das ABC der Berimbau
Die Kalebasse und das Caxíxí
Und ein Stück Holz
Die Münze und der Draht
Das ist eine Berimbau

Berimbau ist ein Instrument
Aus nur einer Seite gemacht
Um São Bento Grande zu spielen
Und auch Angola in Dur

Jetzt fang ich an zu glauben,
Das die Berimbau das Größte ist,
mein Kamerad. 
               


 
















Nach der ladainha geht der Vorsänger fließend über in den nächsten Gesangsabschnitt, der chula, dem traditionellen Ruf- und Antwort-Gesang. Hierbei leitet der Sänger Gebete, er huldigt ehrbare und respektierte Personen innerhalb der Capoeira und bezieht die beiden Spieler in seine Kundgebungen mit ein. Sowohl Spieler, als auch Publikum antworten dem Sologesang, indem jede Zeile wiederholt nach gesungen wird.
  
                                          IÊ, viva meu deus
IÊ, viva meu deus, camara
IÊ, viva meu mestre
IÊ, viva meu mestre, camara
IÊ, que me ensinou
IÊ, que me ensinou, camara
IÊ, a capoeira
IÊ, a capoeira, camara
IÊ, menino é bom
IÊ, menino é bom, camara
IÊ, sabe jogar
IÊ, sabe jogar, camara
IÊ, jogo de Angola
IÊ, jogo de Angola, camara
IÊ, viva Pastinha
IÊ, viva Pastinha, camara
    IÊ, es lebe mein Gott
IÊ, es lebe mein Gott, Kamerad
IÊ, es lebe mein Meister
IÊ, es lebe mein Meister, Kamerad
IÊ, der mich lehrte
IÊ, der mich lehrte, Kamerad
IÊ, die Capoeira
IÊ, die Capoeira, Kamerad
IÊ, der Junge ist gut
IÊ, der Junge ist gut, Kamerad
IÊ, versteht es zu spielen
IÊ, versteht es zu spielen, Kamerad
IÊ, das Spiel von Angola
IÊ, das Spiel von Angola, Kamerad
IÊ, es lebe Pastinha
IÊ, es lebe Pastinha, Kamerad
                 

 

 
















Der folgende Übergang zu den corridos signalisiert den Beginn des eigentlichen Spiels. Während der ladainha und der chula ist es den capoeiristas nicht gestattet das Spiel selbstständig zu eröffnen; sie müssen bis zum Beginn der corridos am „Fusse des Berimbaus“ warten. Das corrido ist wie die chula ein Ruf-und Antwortgesang. Es unterscheidet sich nur insofern, als das nicht jede Zeile des Vorsänger erneut, sondern nur ein bestimmter Abschnitt ständig wiederholt gesungen wird. Ein „guter“ Vorsänger wird versuchen den Rufgesang der aktuellen Spielsituation anzupassen, indem er durch gesangliche Improvisation das Geschehen kommentiert und durch Beratschlagung der Spieler dieses sogar direkt beeinflusst. Die Wahl der Lieder fällt häufig entsprechend nach diesem Aspekt aus. In einer Situation beispielsweise, in welcher ein kleinerer Spieler eine größere Person zu Fall gebracht hat, wird der Vorsänger womöglich den Gesanginhalt der roda auf ein entsprechendes Lied leiten; oder aber er wird die Personen im Kreis zu mehr Dynamik des Spielgeschehen motivieren, falls sie ermüden.
  
                                          Angola êê, Angola ê Angola
Vou me embora pra Angola êê
Vou me embora pra Angola, Angola
Angola êê, Angola ê Angola
Minha mãe é de Angola êê
O meu pãe é de Angola, Angola
Angola êê, Angola ê Angola
    Angola êê, Angola ê Angola
Ich gehe zurück nach Angola êê
Ich gehe zurück nach Angola, Angola
Angola êê, Angola ê Angola
Meine Mutter ist von Angola êê
Mein Vater ist von Angola, Angola
Angola êê, Angola ê Angola
         
                                                           

 

 

 
 



                                                                                                      tl_files/gestaltungselemente/angoleiro_03.png